Wien, Freitag, 28. August 2026
Mein Sohn ist unterwegs. Mit dem Motorrad von Wien nach Lissabon. Er wird dort für ein Jahr studieren.
Und ich habe Angst.
Ich weiß, dass dieser eine Satz vielleicht bei manchen von euch etwas auslöst. Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl selbst: Ein erwachsenes Kind oder ein geliebter Mensch tut etwas, das wir als riskant empfinden und plötzlich merken wir, wie wenig Kontrolle wir eigentlich haben. Mein Sohn ist erwachsen. Er ist 26 Jahre alt und studiert Medizin Er hat sich bewusst dafür entschieden, mit dem Motorrad nach Lissabon zu fahren. Er ist verantwortungsbewusst und für ihn ist das ein Abenteuer. Er wird 10 Tage unterwegs sein. Zehn lange Tage für mich, wo mein Kopf ständig Lärm macht und es nicht einfach geht, dass ich mir einrede:
„Alles gut. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Denn Wissen und Gefühl sind zwei unterschiedliche Dinge. Mein Verstand weiß, dass Sorgen nichts verhindern. Mein Körper reagiert trotzdem mit Anspannung.
Und mein Kopf produziert manchmal Szenarien, die mit dem, was gerade tatsächlich passiert, überhaupt nichts zu tun haben.
Eigentlich müsste ich es doch besser können …
Ich bin Yogalehrerin und beschäftige mich seit vielen Jahren mit Resilienz, mit Körperwahrnehmung und mit dem Umgang mit belastenden Gedanken.
Ich arbeite mit The Work von Byron Katie und begleite Menschen dabei, ihre Gedanken zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Ich habe also durchaus einen gut gefüllten Werkzeugkoffer:
Atmung.
Bewegung.
Körperwahrnehmung.
Meditation.
Journaling.
Dankbarkeit.
The Work.
EFT.
Natur.
Und vieles mehr
Und ich weiß auch, was ich anderen Menschen sagen würde, wenn sie mir von einer solchen Situation erzählen würden. Aber wahrscheinlich kennen das viele Therapeut:innen, Coaches oder Menschen, die beruflich andere begleiten:
Es ist oft leichter, ein hilfreiches Werkzeug weiterzugeben, als es selbst anzuwenden, wenn man mitten in einer belastenden Situation steckt.
Wenn wir selbst betroffen sind, stehen wir nicht außerhalb der Situation und betrachten sie ruhig. Wir stecken mittendrin. Und genau das erlebe ich gerade. Ich kann mir nicht einfach sagen:
„Johanna, untersuche diesen Gedanken.“
Manchmal bin ich dafür viel zu aufgewühlt. Und deshalb geht es für mich gerade nicht darum, die perfekte Methode zu finden, die meine Angst verschwinden lässt. Es geht darum, verschiedene Dinge zu nutzen, die mir helfen, mit dieser Angst zu sein, ohne dass sie mein gesamtes Leben übernimmt.
1. Bewegung bringt mich aus dem Kopf zurück in meinen Körper
Etwas, das mir schon in früheren schwierigen Lebensphasen geholfen hat, ist Bewegung. Und hier vorallem das Laufen am Morgen. Und genau das habe ich in letzter Zeit vernachlässigt.
Deshalb habe ich wieder begonnen zu laufen. Jeden Morgen. Ich ziehe meine Laufschuhe an und gehe los und merke, wie sich etwas verändert.
Nicht unbedingt meine Gedanken. Aber meine Aufmerksamkeit. Ich bin plötzlich nicht mehr ausschließlich in meinem Kopf.
Ich spüre meine Beine. Meinen Atem. Den Rhythmus meiner Schritte. Die Umgebung.
Bewegung kann dabei helfen, körperliche Anspannung abzubauen und Stress zu regulieren. Und für mich ist Laufen gerade mehr als Sport. Es ist eine Möglichkeit, wieder bei mir anzukommen. Auch das Fitnessstudio gehört für mich dazu. Ich habe für mich schon vor langer Zeit erkannt, wie gut mir regelmäßige Bewegung gerade dann tut, wenn mein Leben schwierig wird.
Und jetzt setze ich das ganz bewusst ein und nenne meinen Morgenlauf auch den Seelenlauf, weil er einfach meiner Seele guttut.
2. Auch die Atmung ist ein Werkzeug, das ich immer wieder einsetze
Als Yogalehrerin weiß ich natürlich, wie eng Atem und Nervensystem miteinander verbunden sind. Wenn wir Angst haben, verändert sich unsere Atmung häufig ganz automatisch. Sie wird schneller, flacher oder unruhiger.
Umgekehrt können wir über eine bewusste, ruhige Atmung unserem Körper ein Signal von Sicherheit geben. Ich muss dafür keine komplizierte Atemtechnik machen. Manchmal reicht es, bewusst langsamer zu werden und vor allem die Ausatmung etwas länger werden zu lassen. Ein paar Minuten bewusst atmen.
Nicht um mir einzureden, dass alles gut ist, sondern um meinem Körper zu sagen:
„Ich bin jetzt hier. In diesem Moment bin ich sicher.“
Das ist ein großer Unterschied.
3. Ich bewege mich und manchmal schüttle ich mich einfach aus
Heute Morgen ist mir beim Laufen wieder eingefallen, wie hilfreich Schütteln sein kann. Wenn wir unter Stress stehen, hält unser Körper häufig Spannung.
Arme und Schultern werden fest. Der Kiefer spannt sich an. Der ganze Körper ist in einer Art Bereitschaft.
Ein bewusstes Ausschütteln des Körpers kann eine ganz einfache Möglichkeit sein, diese Spannung wahrzunehmen und wieder etwas loszulassen. Es muss nicht schön aussehen. Es muss auch keine perfekte Übung sein. Einfach einmal aufstehen und den Körper schütteln. Für mich ist das manchmal erstaunlich hilfreich.
4. Ich schreibe morgens, aber ich versuche nicht, meine Angst wegzuschreiben
Mein Morgenjournaling ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil meiner Tage.
Im Moment schreibe ich jeden Morgen auf, wofür ich dankbar bin.
Und natürlich steht sehr oft Jakob darin.
Ich schreibe zum Beispiel:
„Ich bin dankbar, dass Jakob gesund und sicher in Lissabon ankommen wird.“
Und wenn er abends wieder gut in seiner Unterkunft angekommen ist, schreibe ich:
„Ich bin dankbar, dass Jakob heute wieder sicher angekommen ist.“
Ich weiß natürlich, dass ein Gedanke keinen Motorradunfall verhindern kann.
Aber Dankbarkeit lenkt meine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas anderes.
Nicht nur auf die Frage: „Was könnte alles passieren?“
Sondern auch auf: „Was wünsche ich mir? Worauf möchte ich meinen Blick richten?“
5. Und dann gibt es etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hätte: Ich bete wieder
Das ist wahrscheinlich das Persönlichste, was ich euch erzählen möchte. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen. Seit meiner Jugend kann ich allerdings nicht mehr wirklich sagen, dass ich gläubig bin. Und trotzdem bete ich. Ich bitte Gott darum, auf Jakob aufzupassen. Ich bitte das Universum um Unterstützung. Ich bitte darum, dass er sicher ankommt. Und ich merke: Es tut mir gut. Vielleicht ist das Glaube. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht das Bedürfnis, etwas abzugeben, das ich selbst nicht kontrollieren kann. Ich weiß es nicht. Aber ich muss es gerade auch nicht genau definieren. Ich darf einfach beten.
6. Ich versuche, mit meiner Angst nicht alleine zu bleiben
Ich verbringe gerade bewusst viel Zeit in der Natur. Ich gehe laufen. Ich gehe spazieren. Ich bin draußen. Und ich verabrede mich regelmäßig mit Menschen.
Nicht unbedingt, um über Jakob zu sprechen. Einfach, um nicht den ganzen Tag alleine mit meinen Gedanken zu sein.
Denn Angst kann sich verstärken, wenn wir uns zurückziehen und immer wieder dieselben Gedanken durchspielen. Soziale Verbindung ist deshalb für mich gerade ein wichtiger Teil meiner Selbstfürsorge. Auch meine beiden anderen erwachsenen Kinder melden sich häufiger und fragen, wie es mir geht. Und wir haben eine WhatsApp-Gruppe. Jakob schreibt jeden Abend, wenn er gut in seiner Unterkunft angekommen ist. „Bin gut angekommen.“
Manchmal sind es genau diese vier Worte, die mir helfen, wieder aus meinen Gedanken in die Realität zurückzukommen.
7. Und ich habe bewusst meine eigenen Termine reduziert
Das ist vielleicht der Punkt, den ich früher nicht so leicht gemacht hätte.
Ich habe mir in dieser Zeit bewusst weniger Yogastunden ausgemacht, die ich unterrichte. Nicht weil ich Yoga nicht liebe. Und auch nicht, weil ich meine Arbeit nicht machen möchte. Sondern weil ich gerade Selbstfürsorge brauche.
Selbstfürsorge bedeutet für mich nicht nur:
Yoga machen.
Gesund essen.
Meditieren.
Laufen.
Atmen.
Manchmal vielleicht viel öfter als wir denken, bedeutet Selbstfürsorge : Weniger zu tun
Ich glaube, gerade wir Frauen haben oft gelernt, dass Selbstfürsorge etwas Zusätzliches ist, das wir noch irgendwo in unseren ohnehin vollen Alltag hineinpacken müssen. Noch eine Yogaeinheit. Noch eine Meditation. Noch ein Spaziergang. Dabei kann Selbstfürsorge manchmal genau das Gegenteil sein:
Etwas wegzulassen.
8. Und natürlich habe ich auch The Work zur Verfügung
The Work ist für mich ein sehr wertvolles Werkzeug, wenn Gedanken mich belasten. Zum Beispiel könnte ich den Gedanken untersuchen:
„Jakob könnte einen Unfall haben.“
Und dann die vier Fragen stellen und mich mit meiner eigenen Wahrnehmung auseinandersetzen:
Was daran ist tatsächlich wahr?
Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
Wie reagiere ich, wenn ich diesen Gedanken glaube?
Und wer wäre ich ohne diesen Gedanken?
Das kann sehr hilfreich sein. Aber auch hier bin ich gerade ein gutes Beispiel dafür, dass eine Methode zu kennen nicht bedeutet, jederzeit souverän mit ihr umgehen zu können. Manchmal bin ich zu nervös, um mich hinzusetzen und eine ausführliche Untersuchung zu machen.
Dann brauche ich Bewegung.
Oder Atmung.
Oder einen Menschen.
Oder Natur.
Oder einfach die Nachricht meines Sohnes: „Bin gut angekommen.“
Und auch das ist in Ordnung.
Ich versuche nicht mehr, die Angst loszuwerden
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Tage. Ich habe lange gedacht, ich müsste lernen, mit solchen Situationen so umzugehen, dass die Angst irgendwann verschwindet. Aber vielleicht ist das gar nicht das Ziel.
Denn meine Angst hat auch eine Botschaft: Dieser Mensch ist mir wichtig. Ich mache mir Sorgen, weil ich liebe. Das bedeutet nicht, dass ich jede Sorge ernst nehmen und jedem Gedanken folgen muss. Aber ich muss meine Angst auch nicht bekämpfen. Ich kann sie wahrnehmen.
Ich kann atmen.
Ich kann laufen.
Ich kann schreiben.
Ich kann beten.
Ich kann mit Menschen sprechen.
Ich kann The Work machen.
Ich kann EFT klopfen.
Ich kann in die Natur gehen.
Und ich kann manchmal trotzdem nachts wachliegen und Angst haben.
Das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht bedeutet Loslassen deshalb nicht: „Ich lasse meine Angst los.“ Vielleicht bedeutet es: „Ich lasse den Anspruch los, meine Angst vollständig kontrollieren zu müssen.“
Mein Sohn geht seinen Weg. Er ist erwachsen und er liebt es Motorrad zu fahren. Es liegt nicht mehr in meiner Verantwortung, sondern in seiner.
Und ich versuche, meinen Weg zu gehen und zu vertrauen.